07 May 2026, 12:22

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde und das Erbe der NS-Zeit

Rechteckige Plakette mit der Inschrift "Adolf Abraham" an einer Steinwand angebracht.

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde und das Erbe der NS-Zeit

Halberstadts jüdische Geschichte reicht von einer blühenden neo-orthodoxen Gemeinde bis zur fast vollständigen Auslöschung unter der NS-Herrschaft. Die Synagoge der Stadt wurde 1938 zerstört – der Beginn eines brutalen Kapitels, das bis 1942 die jüdische Bevölkerung vollständig tilgte. Jahrzehnte später taucht das Erbe dieser Vergangenheit immer wieder auf unerwartete Weise auf: in literarischen Werken oder umstrittenen Grundstücksverkäufen.

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Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge in der Nacht vom 9. November 1938 löste eine Welle der Gewalt aus, die das jüdische Leben der Stadt systematisch auslöschte. Bis 1942 war die einst lebendige Gemeinde, bekannt als Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums, vernichtet. Nur wenige überlebten, darunter Willy Calm, der 1961 als letzter Jude Halberstadts und offizieller Vertreter der einstigen Gemeinde zurückblieb.

In der Nähe wurde das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge in der NS-Zeit zu einem Ort der Zwangsarbeit. 1949 entstand dort eine Gedenkstätte für die Opfer. Doch zwei Jahrzehnte später, 1969, wurde die Anlage umgestaltet – nicht als Ort der stillen Erinnerung, sondern als Versammlungsstätte für politische Treuebekundungen, direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet. Die Tunnel unter dem Lager dienten in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die National Volksarmee der DDR.

Trotz der fast vollständigen Auslöschung jüdischen Lebens blieben Bruchstücke dieser Geschichte in der DDR-Kultur präsent. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati zog 1952 in die DDR und nahm in Ost-Berlin drei Langspielplatten mit jiddischen Liedern auf. Schriftsteller wie Jurek Becker und Peter Edel griffen jüdische Themen in Romanen wie Jakob der Lügner und Die Bilder des Zeugen Schattmann auf, die beide in der DDR erschienen. Philipp Grafs Buch Verweigerte Erinnerung (2023) untersucht diese Widersprüche und zeigt, wie die DDR jüdische Geschichte zugleich unterdrückte und selektiv vereinnahmte.

Erst 2018 sorgte der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen – ein historisch belastetes Grundstück – für Aufsehen. Einige Anwohner murmelten von einer „Verschacherung an die Juden“, ein Zeichen dafür, wie tief verwurzelte Vorurteile selbst Generationen später noch nachwirken.

Heute lebt Halberstadts jüdische Vergangenheit in Literatur, Gedenkstätten und gelegentlichen öffentlichen Debatten weiter. Die Synagoge liegt in Trümmern, die Gemeinde ist längst verschwunden, doch Spuren finden sich in Büchern, Musik und den umkämpften Bedeutungen von Orten wie Langenstein-Zwieberge. Die Spannung zwischen Erinnerung und Verdängung prägt bis heute, wie diese Geschichte verstanden – oder ignoriert – wird.

Quelle