DDR-Opfer Peter Niebergall und die späte Gerechtigkeit gegen Staatsanwalt Kaul
Jonas SchmidtDDR-Opfer Peter Niebergall und die späte Gerechtigkeit gegen Staatsanwalt Kaul
Ein Urteil von 1998 brachte Peter Niebergall verspätete Gerechtigkeit – er war ein Opfer des repressiven Justizsystems der DDR. Ekkehard Kaul, der Staatsanwalt, der Niebergall 1983 ins Visier genommen hatte, wurde später selbst wegen politischer Verfolgung verurteilt und inhaftiert. Niebergalls Memoiren "Wir wollten nur weg" zeugen heute als schonungslose Abrechnung mit dem Leben unter der SED-Diktatur.
Im August 1983 beantragten Peter Niebergall und seine Frau Heidi die Ausreise aus der DDR in den Westen. Ihr Gesuch führte am 6. August zur sofortigen Verhaftung durch die Stasi. Nur wenige Wochen später stand Niebergall vor dem Bezirksgericht Berlin-Pankow, wo er am 27. Oktober wegen "staatsfeindlicher Hetze" zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten ohne Bewährung verurteilt wurde.
Ankläger in diesem Verfahren war Ekkehard Kaul, ein Staatsanwalt, der die harte Linie der SED konsequent durchsetzte. Fünfzehn Jahre später musste sich Kaul selbst vor Gericht verantworten – wegen Rechtsbeugung und freiheitsentziehender Maßnahmen. Am 20. November 1998 verurteilte ihn das Landgericht Berlin zu einer Haftstrafe von einem Jahr und drei Monaten.
In "Wir wollten nur weg" schildert Niebergall seine Erlebnisse unter der SED-Diktatur: von der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch sowjetische Truppen bis zu seiner eigenen Inhaftierung. Das Buch entlarvt die systematischen Menschenrechtsverletzungen des Regimes und zieht Parallelen zwischen der damaligen Repression und heutigen Überwachungsdebatten. Zudem zeigt es, wie sich Strafbestimmungen der DDR in heutigen Rechtsstrukturen fortsetzen – eine Mahnung, sich mit dem Erbe der autoritären Herrschaft auseinanderzusetzen.
Während Niebergalls Schilderungen kontroverse Diskussionen auslösten, vermeidet die Linke eine klare Haltung zu den SED-Verbrechen. Die Partei relativiert die Repression oft als Produkt des Kalten Krieges, statt sie eindeutig zu verurteilen. Innerhalb der Partei gibt es jedoch unterschiedliche Positionen zur historischen Aufarbeitung, was die anhaltenden Spannungen über die Verbindung zur Vorgängerorganisation PDS widerspiegelt.
Niebergalls Memoiren bleiben ein zentrales Dokument der DDR-Unrechte und stellen eine direkte Herausforderung für alle dar, die die Einordnung des SED-Regimes als Diktatur infrage stellen. Die Verurteilung Kauls war eine seltene juristische Abrechnung mit staatlicher Verfolgung, doch die politische Debatte über das Erbe dieser Ära geht weiter. Die von Niebergall gezogenen Parallelen zwischen damaligen und heutigen Gesetzen machen seine Botschaft auch in aktuellen Diskussionen über Demokratie und Überwachung brandaktuell.






