Steinmeier und Merz ehren verstorbenen Philosophen Habermas - Jürgen Habermas stirbt mit 96 – ein Denker prägte Europas Demokratie
Jürgen Habermas, Deutschlands einflussreichster zeitgenössischer Philosoph, ist im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben. Sein Werk prägte jahrzehntelang die politischen und intellektuellen Debatten in ganz Europa und brachte ihm internationale Anerkennung ein. Politiker und Gelehrte würdigen sein Erbe als prägenden Denker der modernen Demokratie.
Geboren 1929, entwickelte sich Habermas zu einem führenden Vertreter der Aufklärung, der die Widersprüche der Moderne analysierte. Er lehrte, dass demokratischer Diskurs und menschliche Emanzipation die Grundlagen einer gerechten Gesellschaft seien. Seine Ideen beeinflussten Generationen von Wissenschaftlern, Politikern und Aktivisten.
Im Laufe seiner Karriere griff Habermas immer wieder in zentrale politische Diskussionen ein. In den 1960er-Jahren kritisierte er die Studentenbewegung und bezeichnete sie nach gewalttätigen Vorfällen wie der Tötung Benno Ohnesorgs und dem Attentat auf Rudi Dutschke als "Scheinrevolution". Bereits zuvor hatte er sich gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands unter Konrad Adenauer ausgesprochen. Jahrzehnte später verteidigte er im Historikerstreit 1986 die historische Verantwortung Deutschlands gegen Versuche, die Vergangenheit zu verharmlosen.
Sein Engagement erstreckte sich auch auf Außenpolitik und europäische Integration. 1999 unterstützte er den NATO-Einsatz im Kosovo – ein Bruch mit der traditionellen deutschen Zurückhaltung nach dem Krieg. Zudem prägte er die Debatten zur Eurokrise und zur Zukunft der EU mit und setzte sich für eine vertiefte Einheit ein.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier stand bis zu Habermas' Tod in engem Austausch mit ihm und nannte ihn eine "titanische Gestalt" des politischen und akademischen Denkens. Bundeskanzler Friedrich Merz würdigte seine "analytische Schärfe" und seinen "liberalen Geist" und bezeichnete ihn als unverzichtbar für den demokratischen Diskurs weltweit.
Habermas hinterlässt ein umfangreiches Werk zu Sozialtheorie, Ethik und Demokratie. Seine Kritik an Machtstrukturen und sein Eintreten für vernunftbasierte Debatten haben das öffentliche Leben in Deutschland und darüber hinaus geprägt. Das Land blickt nun auf ein Erbe zurück, das Philosophie, Politik und den anhaltenden Kampf für eine gerechtere Gesellschaft umfasst.