Ein Junge? - Warum einige Eltern damit hadern - Warum #GenderDisappointment mehr als nur eine TikTok-Debatte ist
Manche Eltern sind noch immer enttäuscht, wenn ihr ungeborenes Kind nicht das Geschlecht hat, das sie sich gewünscht hatten. Diese Reaktion, die auf TikTok mittlerweile unter dem Hashtag #GenderDisappointment (etwa: Enttäuschung über das Geschlecht) diskutiert wird, spiegelt weiterhin bestehende Klischees über Söhne und Töchter wider. Doch Studien zeigen: Geschlechterrollen prägen das Leben von Kindern noch lange nach der Geburt – von den schulischen Leistungen bis hin zu den Berufschancen.
Forschungen zufolge schneiden Mädchen in der Bildung oft besser ab als Jungen. Mehr Mädchen als Jungen machen das Abitur, und in Lesekompetenz liegen sie durchgehend vorn. Jungen hingegen erzielen in Mathematik tendenziell leicht bessere Ergebnisse. Dennoch werden Mädchen seltener für höhere Bildungswege empfohlen und brechen früher die Schule ab.
Auch in der Freizeitgestaltung unterscheiden sich Jungen und Mädchen. Jungen beginnen früher und häufiger mit digitalen Spielen, während Mädchen eher zu sozialen Medien oder YouTube-Tutorials zu Make-up greifen. Diese Muster decken sich mit gängigen Wahrnehmungen: Mädchen gelten oft als anpassungsfähiger, fürsorglicher und fleißiger, Jungen dagegen als wilder und anfälliger für Verhaltensprobleme. Bei Jungen wird häufiger ADHS diagnostiziert, Mädchen leiden dagegen öfter unter Depressionen und Ängsten.
Im Erwachsenenalter verdienen Frauen im Schnitt noch immer weniger pro Stunde. Viele arbeiten in schlechter bezahlten Jobs oder reduzieren ihre Stunden, um Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen zu bewältigen. Zwar erwerben Frauen mittlerweile über die Hälfte aller Promotionen in Deutschland – ein Anstieg von 25 Prozent in den 1990er-Jahren –, doch in Führungspositionen der Wirtschaft sind sie nach wie vor unterrepräsentiert. 2023 besetzten Frauen nur 20 bis 30 Prozent der Vorstandsposten in DAX-Unternehmen – ein anhaltendes Ungleichgewicht auf höchster Ebene.
Auch kulturelle Präferenzen spielen eine Rolle. In westlichen Gesellschaften bevorzugen manche Eltern Töchter, weil sie ihnen fürsorglichere Eigenschaften zuschreiben. Doch eine Tochter garantiert keineswegs die Pflege im Alter, denn Frauen – obwohl sie häufiger die Verantwortung für die Betreuung übernehmen – stehen selbst vor vielfältigen Herausforderungen in ihrem Leben.
Der Begriff #GenderDisappointment zeigt, wie früh geprägte Erwartungen die Familiendynamik beeinflussen können. Doch die wahren Auswirkungen von Geschlecht entfalten sich über die Zeit: von schulischen Leistungen bis hin zu beruflichen Hürden. Zwar gibt es Fortschritte in Bildung und Führungsetagen, doch bei Löhnen, psychischer Gesundheit und Chancengleichheit im Berufsleben bestehen weiterhin Lücken.